Wie feiert man 50 Jahre Beratung von Frauen, Paaren, Familien bei Schwangerschaft und Schwangerschaftskonflikt? Am besten eine Woche lang entschieden die Sozialarbeiterinnen, Heidrun Lechthaler-Trierweiler und Antje Porger-Jung, die den Fachbereich im Diakonischen Werk im Jubiläumsjahr vertreten, schon vor einem Jahr. Der Kirchenkreis und die Edelsteingemeinde unterstützten die Idee einer Veranstaltungswoche für alle Zielgruppen statt einer großen Feier für geladene Gäste, und so konnte die Woche am Freitagabend, 04.09.2026 in der Evangelischen Johanneskirche am Rilchenberg feierlich eröffnet werden.
Die Superintendentin des Kirchenkreises Jutta Walber machte in ihrer Eröffnungsrede deutlich, wie Kirche und ihre Diakonie Schwangerschaftsberatung sehen: „Schwangerschaft und Mutterschaft sind keine Privatangelegenheit, sondern spielen sich in einem gesellschaftspolitischen und machtpolitischen Umfeld ab.“ Sie kündigte „eine fröhliche und durchaus kritische Auseinandersetzung mit den Themen Schwangerschaft, Mutter- bzw. Elternschaft, Frausein in der Gesellschaft, Macht und Machtmissbrauch, Selbstbestimmung und Selbstermächtigung“ an. Frau Walber wies hierbei auch selbstkritisch auf die Rolle von Religion und Theologie hin. Sie den Blick nach vorne auf den letzten Veranstaltungstag am Donnerstag, 10.09.2026, wo ein Vortrag von Laura Markert von der Ruhr-Universität Bochum zu sexualisierter Gewalt in der Bibel zur Auseinandersetzung einlädt und die Jubiläumswoche abschließt.
Landrat Miroslav Kowalksi war der Einladung gefolgt und vertrat mit seinem Grußwort den Nationalparklandkreis. Er zitierte eine Mutter, die sagte „Es gibt nur Risikoschwangerschaften, denn für Frauen sind Schwangerschaft und Mutterschaft die größten Lebensrisiken, was finanzielle Versorgung, berufliches Fortkommen und die allgemeine Lebensperspektive betrifft.“ Diese Aussage sei verständlich, und viele jungen Frauen machen sich Sorgen um die finanzielle Absicherung und die beruflichen Perspektiven als Mutter. Er wies aber auch darauf hin, dass Frauen und Mütter nicht allein sind. Der Landkreis bietet Hilfen und Unterstützung an. In diesem Zusammenhang würdigte er auch das Engagement und die Bedeutung der Arbeit der diakonischen Schwangerschaftsberatungsstelle, die seit 50 Jahren nicht nur räumlich nah an der Seite der Frauen ist.
Das zweite Grußwort des Abends hielt Heike Buschmann vom Landesverband Rheinland-Westfalen-Lippe. Als Fachreferentin für Familie und junge Menschen unterstützt sie die Beratungsstellen mit Fachinformationen und nimmt die Interessensvertretung auf Landesebene wahr. Frau Buschmann bestätigt die einführenden Worte aus ihrer langjährigen Berufsberatung in der Landesdiakonie: „Schwangerenberatung ist weit mehr als eine individuelle Unterstützung. Sie ist ein Seismograph für gesellschaftliche Verhältnisse.“ Sie leitete in die Ausstellung über, deren Texte zu den Bildern teilweise auch in Klientinnenakten der Schwangerschaftsberatung stehen konnten
Anschließend sprach die Fotografin und Künstlerin Dolors Planiol. Ihre Ausstellung „On Motherhood“ an diesem Abend eröffnet wurde und in der Jubiläumswoche in der kostenfrei besichtigt werden kann. Ihre Fotografien und Texte geben den vielen Erfahrungen von Müttern ein Gesicht. Außerhalb des Jubiläumsprogramms ist die Johanneskirche am Mittwoch, 09.09. von 9:00 – 12:00 und Donnerstag 10.09. von 14:00 – 17:30 Uhr hierfür geöffnet. Die Ausstellung lädt die Besucher*innen mit den Fotografien auf Großleinwand ein, über Mutterschaft in Dialog zu kommen. Mutterschaft unter vielen Blickwinkeln und nicht nur biologisch zu betrachten, ist auch der rote Faden, der die Jubiläumswoche der Diakonie Obere Nahe durchzieht.
Im Anschluss hatten die Gäste die Gelegenheit bei einem Imbiss und bei der Besichtigung der Ausstellung ins Gespräch zu kommen. Dolors Planiol stand für Gespräche zu ihren Bildern zur Verfügung. Ebenfalls ausgestellt war eine Schautafel mit Stolpersteinen und Meilensteinen auf dem Weg von Frauen und Müttern zur Gleichberechtigung mit der Frage, wie die Zukunft aussieht. Der Zeitstrahl mit Bildern zu historischen Daten wurde von den Mitarbeiterinnen des Fachbereichs erstellt. „Die Rolle von Müttern ist immer ein Spiegelbild der Machtverteilung in einer Gesellschaft. In der Beratung erleben wir Veränderungen in der Lebenssituation von Familien sehr genau,“ weiß Heidrun Lechthaler-Trierweiler, die seit 30 Jahren in der Schwangerenberatungsstelle arbeitet. Antje Porger-Jung ist seit 2022 in diesem Fachbereich tätig, kann die Erfahrung ihrer Kollegin auch aus ihrem früheren Arbeitsfeld im Diakonischen Werk im Kirchlichen Sozialdienst und der Kurberatung für Mütter bestätigen: „Kinder werden in unserer Zeit für immer mehr Familien, die unsere Beratung suchen, zum Armutsrisiko, gerade bei Alleinerziehenden. Der sozio-ökonomische Status der Eltern stellt schon vor der Geburt viele Weichen.“
Thea Maurer
Familientag am Sonntag
Ein besonderer Höhepunkt der Jubiläumswoche folgte gleich am Sonntag, 6. September: Ganz im Zeichen der Familien stand der Familientag, der um 10 Uhr mit einem Familiengottesdienst unter dem Titel „David – Klein kommt groß raus“ startete. Der Gottesdienst von Pfarrerin Christine Wild hatte viele interaktive Elemente und war sehr kurzweilig auch für die Kleinen gestaltet. Anschließend verwandelte sich das Gelände rund um die Johanneskirche und der Kita in einen lebendigen Treffpunkt für Kinder, Eltern, Großeltern und alle, die Lust auf einen gemeinsamen Tag hatten.
Von 11 bis 16 Uhr gab es zahlreiche Mitmachangebote und Aktionen. Die Ausstellung war den ganzen Tag geöffnet. Beteiligt waren die Kita Johanneskirche, der Baby- und Kidstreff des DW, Jugendleiterin Melanie Füllmann und Ehrenamtliche der Evangelischen Edelsteingemeinde und die Freiwillige Feuerwehr Idar-Oberstein. Das Feuerwehrfahrzeug, das von den Kindern ausgiebig erkundet werden konnte, war ein Anziehungspunkt. Aber auch die anderen Angebote wie Glitzer-Tattoos, Malen oder Basteln mit Sensorik-Kügelchen sorgten dafür, dass keine Langeweile aufkam.
Für das leibliche Wohl war ebenfalls gesorgt. Mitarbeiter*innen des Diakosichen Werks boten Würstchen vom Grill und Getränke an, der Elternausschuss der Kita Johanneskirche hatte Brezeln und Muffins vorbereitet. So wurde aus dem Familientag recht bald ein Fest, bei dem nicht nur Kinder auf ihre Kosten kamen, sondern auch Eltern und andere Besucherinnen und Besucher Gelegenheit hatten, miteinander ins Gespräch zu kommen.
Ein weiterer Höhepunkt des Tages war um 14 Uhr das Clowntheater „Rosina und das verflixte Paket“ mit Sigi Karnath vom Clownwerk Bad Kreuznach. Mit viel Humor und Spielfreude nahm die Clownin ihr Publikum mit in eine Geschichte, die nicht nur die jüngsten Zuschauerinnen und Zuschauer begeisterte.
Der Sonntag machte damit auf besondere Weise sichtbar, was die Mitarbeiterinnen der Schwangerenberatung mit ihrer Jubiläumswoche erreichen wollten: Nicht nur über Familien, Schwangerschaft und Mutterschaft zu sprechen, sondern Menschen zusammenzubringen und Raum für Begegnung, Austausch und gemeinsame Erfahrungen zu schaffen. Der Besuch des Familientages zeigte, dass dieses Angebot angenommen wurde – und dass ein Jubiläum auch fröhlich, offen und mitten im Leben gefeiert werden kann.
Programm der Festwoche
Einen Programmflyer, Infos zu den Öffnungszeiten der Ausstellung sowie viele weitere Infos zur Themenwoche finden Sie auf unserer Sonderseite: 50 Jahre Schwangerenberatung





