Und je nachdem, wie der Betrachter nach links oder rechts sieht, werden einzelne Details sichtbar, die hinter der verschlossenen Tür verborgen sind. Das neue Jahr liegt auch noch weitestgehend im Verborgenen. Die Tür zu 2026 ist erst einen Spalt weit geöffnet. Mehr sehen wir noch nicht.
So sehr wir uns auch anstrengen und planen, diese Tür öffnet sich erst im Erleben der Zeit. Ähnlich ist es auch mit unserem Glauben. Wenn wir neugierig sind, wagen wir einen Blick durchs Schlüsselloch. Wir wollen wissen, was sich hinter der Glaubenstür, hinter dem Geheimnis Gott verbirgt. Um ein vollständiges Bild zu erhalten, dürfen wir aber nicht am Schlüsselloch stehen bleiben. Wir müssen die Tür öffnen und hindurchgehen. Erst dann erschließt sich uns die Glaubenswelt. Die Bibel dient uns als Türöffner. Menschen erzählen uns von ihren Glaubenserfahrungen mit Gott. Auch sie sahen oft nur einzelne Teile der Wahrheit, bis sie sich auf den Weg machten. Es sind die zahlreichen Vorbilder, die aus dem bloßen „Schauen durch das Schlüsselloch“ in ein aktives Leben mit Gott getreten sind. Diese „Helden des Glaubens“ verließen ihre Sicherheit und machten sich auf ungewisse Wege: Abraham und Sara gelten als die Urbilder des Vertrauens. Auf Gottes Ruf hin verließ Abraham seine Heimat Ur, ohne zu wissen, wohin der Weg ihn führen würde. Er vertraute allein auf die Zusage, dass Gott ihn zum Stammvater eines großen Volkes machen würde.
Die Moabiterin Ruth entschied sich, ihre Heimat und ihre Götter zu verlassen, um mit ihrer Schwiegermutter Naomi nach Bethlehem zu ziehen. Die Fischer Petrus und Andreas ließen ihre Netze und Berufe zurück, als Jesus sie rief, ihm zu folgen – ein Aufbruch in ein Leben, dessen Ganzes sie erst nach und nach erfassten. Diese Menschen wagten den Schritt aus dem Bekannten ins Unbekannte, weil sie spürten, dass Gott hinter der „Tür“ gegenwärtig ist. Der Blick durchs Schlüsselloch ermutigte sie, machte sie neugierig und indem sie sich auf das Neue einließen, erlebten sie die Nähe Gottes. Vertrauen wuchs, Angst wurde überwunden, Gottes Gegenwart blieb nicht im Verborgenen.
Auch heute gibt es Menschen, die sich auf den Weg machen, die nicht in ihrer Komfortzone bleiben. Ärzte und Ärztinnen aus unserer Region helfen z.B. Menschen in Mosambik. Ärzte ohne Grenzen sind im Sudan tätig. Unter schwierigsten Bedingungen setzen sie ihr Wissen und Können ein, um den Ärmsten der Armen zu helfen. Und das in Regionen, in denen ihr eigenes Leben nicht immer sicher ist.
Die Schulsozialarbeiter an unserer Schule kümmern sich täglich um Jugendliche, die es schwer haben. Sie gehen aus der Schule in die Familien, wirken unterstützend und einfühlsam. Pflegerinnen und Pfleger in den Krankenhäusern und Pflegeheimen hören zu, reichen Essen an, sind da. Diese Menschen und viele andere Haupt- oder Ehrenamtliche verlassen jeden Morgen ihr vertrautes Zuhause. Sie machen sich auf den Weg, ohne genau zu wissen, welche Herausforderung sie an diesem Tag erwartet.
Das Geheimnis Gott wird erlebbar im Aufbruch, im Trost, in der aktiven Unterstützung, im Zuhören, in der emotionalen Begleitung, im praktischen Handeln und in der gegenseitigen Wertschätzung. Gottes Liebe will in jedem von uns Mensch werden. Sie lässt uns nicht vor dem Schlüsselloch stehen. Die vor uns liegenden elf Monate enthüllen ihr Geheimnis, indem wir aufbrechen, sie leben – mit Gott an unserer Seite.
Pfarrerin Dorothee Lorentz, BBS Idar-Oberstein, Harald-Fissler-Schule
