Der Stein, den die Bauleute verworfen haben,
ist zum Eckstein geworden.
Das ist vom Herrn geschehen
und ist ein Wunder vor unseren Augen.
Dies ist der Tag, den der Herr macht;
lasst uns freuen und fröhlich an ihm sein.
(Psalm 118, 22-24)
Liebe Mitchristinnen und Mitchristen, liebe Leserinnen und Leser!
Das sind Worte aus dem Psalm, der über der Osterwoche steht. Der eine oder die andere kennen ihn vielleicht. Ich mag diese Sätze besonders, weil sie für mich so viel Lebensweisheit ausdrücken. „Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden.“
Da ist die Rede von etwas, was die Fachleute als unbrauchbar beurteilt haben. Es landet auf dem Abfallhaufen. Was und vor allem wen sortieren wir nicht alles aus? Obst mit einem braunen Fleck, Gemüse, das die Normgröße oder -form nicht hat, Dosen mit abgelaufenem Mindesthaltbarkeitsdatum. Kleider, deren Schnitt nicht mehr modern ist, Möbel, an denen wir uns sattgesehen haben. Menschen, die anders sind als wir, die den Normen nicht entsprechen, sortieren wir schnell in Schubladen: zu klein, zu dick, zu ungebildet, zu unbedeutend, zu weich, nicht von hier, zu alt, zu jung… Vielleicht haben wir ja auch selbst diese Erfahrung gemacht, nicht ins Raster des „Normalen“ zu passen, aussortiert zu werden.
In den letzten Jahren mache ich jedoch die Erfahrung, dass unsere Gewissheiten, unsere Normen ins Wanken geraten: Unsere Wegwerfmentalität weicht mehr und mehr einer nachhaltigen Betrachtungsweise. Lebensmittelverschwendung wird angeprangert und Upcycling ist voll im Trend. Müll wird wertvoller Rohstoff. Wir merken, dass der Umgang mit unserer Umwelt unsere Lebensgrundlagen zerstört.
Als ich noch in der Schule gearbeitet habe, habe ich oft die Erfahrung gemacht, dass Schülerinnen und Schüler, die im normalen Unterricht nicht besonders auffielen, bei Projekten oder bei der Vorbereitung von Veranstaltungen plötzlich ganz andere Seiten von sich zeigen konnten und über sich hinausgewachsen sind. Oder sie konnten im Praktikum ihre handwerklichen Fähigkeiten zeigen und so überzeugen. Wir Menschen sehen eben nur das, was vor Augen ist und manchmal auch nur das, was wir sehen wollen.
Ostern zeigt uns, dass bei Gott andere Maßstäbe gelten: der jüdische Junge, der im Stall geboren wird, schon als Säugling ins Ausland fliehen muss, der eine Zimmermannslehre hat, der uns lehrt, auch die linke Wange hinzuhalten, wenn uns einer auf die rechte schlägt, der als Schwerverbrecher den elendsten aller Tode stirbt, der von aller Welt verlacht wird, ist der Retter der Welt und besiegt den Tod. „Das ist vom Herrn geschehen und ist ein Wunder vor unseren Augen.“
Bei Gott ist alles möglich, für ihn ist alles möglich. Dieses Wort des Psalmbeters – oder vielleicht auch der Psalmbeterin - zeigt mir, dass mein Blick auf die Dinge nur ein vorläufiger ist. Dass es sich lohnt, genauer hinzuschauen und auch einmal eine andere Sichtweise einzunehmen. Es schenkt mir Hoffnung, dass nichts, aber auch gar nichts so bleiben muss, wie es ist oder mir erscheint.
Nach Karfreitag kommt Ostersonntag:
„Dies ist der Tag, den der Herr macht;
lasst uns freuen und fröhlich an ihm sein.“
Diese Freude und Hoffnung begleite uns durch die Zeit.
Ihre Pfarrerin Christine Wild, Ev. Edelsteingemeinde
