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An(ge)dacht: „Du bist nicht allein allein.“

Dieser Satz klingt auf den ersten Blick wie ein Sprachfehler. Zweimal „allein“ – wozu? Doch sie gibt einem wichtigen Thema Raum: dem Alleinsein.

Alleinsein hat zwei sehr unterschiedliche Seiten: Es gibt ein Alleinsein, das gut ist. Und eins, das weh tut. Allein im Wald spazieren – das kann Freiheit bedeuten. Allein ein Buch lesen – das kann Erholung sein. Aber allein im Krankenhausflur? Allein nach einer Trennung? Allein in einer Runde, in der niemand merkt, dass man schweigt? Das ist ein anderes Alleinsein. Das ist Einsamkeit. Die, die nicht laut schreit, sondern still macht. Nicht spektakulär, aber schwer. Ein Gefühl, das viele kennen – und doch selten jemand zugibt. 

Kennen sie diese oft mit vielen Details vollen und Menschenvollen Wimmelbilder? Auf den ersten Blick: Leben, Bewegung, Miteinander. Doch wenn wir genauer hinschauen, sehen wir Menschen, die verloren wirken. Menschen, die am Rand stehen. Die niemand anschaut. Einsamkeit versteckt sich mitten im Gewimmel. So wie in einer Geschichte, die wir im Johannes-Evangelium lesen können: (Johannes 5 – Der lahme Mann am Teich) Da liegt einer. Seit 38 Jahren. Und sagt von sich: Ich habe keinen Menschen. Keinen Menschen, der ihn sieht. Keinen, der ihn hört. Keinen, der fragt: Wie geht’s dir? Keinen, der wartet, bis er antwortet. Keinen, der sich zu ihm setzt. Keinen, der bleibt. Keinen, der ihn ernst nimmt. Ich habe keinen Menschen. Keinen! Jesus fragt ihn in Joh.5: „Willst du gesund werden?“ Eine einfache Frage, bei der die Antwort doch eigentlich auf der Hand liegt. Aber: die Antwort, die er bekommt, ist keine klare Zustimmung. Der Mann sagt stattdessen: „Ich habe keinen Menschen.“ Diese Antwort ist eine scharfe und ehrliche Reaktion. Sie zeigt uns, dass das eigentliche Problem nicht nur die Krankheit ist, sondern das Fehlen von Nähe, von jemandem, der da ist. Heilung, wie der Mann sie sich vorstellt, braucht mehr als einen Arzt oder ein Wunder. Sie braucht jemanden, der dich sieht und hört, der bei dir bleibt und an dich glaubt. Jesus hört diesen Satz nicht als Ausrede oder Abwehr. Er hört ihn als Hilferuf. Als das Zeichen eines tiefen Mangels, der mehr schmerzt als die Krankheit selbst. Und Jesus? Er bleibt. Er geht nicht weiter. Er handelt nicht mit großen Worten, sondern mit Präsenz. Er lädt ein, bleibt da und fragt noch einmal. Und der Mensch? Wird gesund. Durch die Nähe von Jesus. Durch ein gutes Wort, das ihn gesund macht. 

Und wir? Ein erster Gedanke könnte ja sein: Ich bin ja nicht Jesus. Ich kann keine Wunder bewirken, ich kann keine Menschen heilen. Aber vielleicht ist das genau das, worauf uns diese Geschichte hinweisen will: Sie lädt uns ein,  genau hinzuschauen. Nicht wegzusehen, wenn Menschen am Rand stehen, unsichtbar werden, einsam sind. Sie erinnert uns daran, wie kostbar es ist, einfach da zu sein. Wie viel Heilung in der Nähe eines anderen Menschen liegen kann. Wenn ich jemandem begegne, der sagt: „Ich habe keinen Menschen“? - Was könnte ich tun, damit dieser Satz nicht mehr wahr bleibt? Ich mache dafür  einige kleine, konkrete Vorschläge: Ein Gespräch beginnen. Der Anruf „einfach nur so…!“   Eine Einladung aussprechen.  Zum Kaffee trinken. Zum Grillen. Oder zum Spazieren gehen. Einfach mal zusammen Pause machen. Und auch dies: Aktiv die Angebote Gottesdienste deiner Kirchengemeinde nutzen …  auch wenn ich auch mal ein paar Kilometer fahren muss. Am besten lädt man dann Andere ein sie dorthin mitzunehmen. Es sind keine großen Taten nötig. Sondern kleine Schritte, die Nähe schaffen. Kleine Schritte, die aber deutlich zeigen: Du bist nicht allein allein. Wenn da ein gebrochenes Herz ein kleines Stück heilt, wenn sich da jemand nicht mehr so einsam und allein gelassen fühlt, wenn jemand nach einem gemeinsamen Spaziergang sagt: das hat mir gut getan – dann sind wir schon ganz nah dran, kleine Wunder zu wirken, - weiter als wir selbst es je für möglich gehalten hätten. Denn genau diese kleinen Begegnungen verändern Leben. Dann bist du nicht mehr  „allein allein.“

Ihr Pfarrer Stephan Schneider