Sie sind hier: Kirche mit dir » Aktuelles & Termine » Nachrichtenarchiv

Nachrichtenarchiv

An(ge)dacht: Abschied von der Giernacht

Schneller, höher, weiter. "Die meisten von uns haben das ganze Jahr mehr als genug, aber Weihnachten soll es dann noch mal mehr sein", findet unsere Autorin Ilona Schlegel. Und will es dieses Jahr ganz anders machen.

In einem Blogbeitrag des Kirchenkreises wurde das Buch „Mädchen, Frau, etc.“ von Bernadine Evaristo genannt. Dem Lesetipp bin ich mit dem Hörbuch und fand eine facettenreiche Erzählung verschiedener weiblicher Lebensentwürfe, die weniger das sind, was unsere Mütter so empfohlen haben. Aber dafür bunt, fesselnd, vielschichtig. Dort sagte eine der Protagonistin zum jährlichen Anrücken der Verwandtschaft zum Weihnachtsfest, das man Weihnachten eigentlich Giernachten nennen sollte. Das träfe die gelebte Realität doch besser. Daran musste ich mit der nahenden Adventszeit immer wieder denken, und jetzt sind wir schon mitten drin. Kennzeichen der Gier ist es ja, immer mehr zu haben zu wollen und dass es kein Genug gibt: mehr Lichter, mehr Deko, mehr Geschenke, mehr Süßigkeiten, mehr Geld, mehr Besinnlichkeit…

Die meisten von uns haben das ganze Jahr mehr als genug, aber Weihnachten soll es dann noch mal mehr sein an schönen Sachen und gutem Essen. Das passt mit der Weihnachtsgeschichte im Stall von Bethlehem ungefähr so zusammen wie Krippe und Grandhotel. Kein Wunder also, wenn wir die Weihnachtszeit oft getrieben und gehetzt erleben. Unsere Jagd nach mehr Gemütlichkeit, Besinnlichkeit, Gemeinsamkeit endet fast zwangsläufig in der gegenteiligen Gefühlswelt. Ich habe mir deshalb mal vorgenommen, dieses Jahr zu versuchen, mich von Giernachten zu verabschieden und Weihnachten mehr Raum zu geben. Mit weniger Terminen, weniger Kunstlicht, weniger To-dos und Must-Haves an den Adventswochenende. Weniger ist so oft im Leben mehr, aber ausgerechnet zu Weihnachten wollen wir uns überschlagen, so als würden wir das Kind in der Krippe irgendwie beeindrucken können. Dabei zeigt die Weihnachtsgeschichte uns, wie viel aus (materiell) wenig, aus dem Kleinen entstehen kann in der Welt. Nachhaltig über Generationen hinweg. 

Ilona Schlegel, Geschäftsführerin Diakonisches Werk Obere Nahe