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Präses Latzel: „Gott ist der Ort, wo wir unsere Klage lassen können“

Am Wochenende gab es Ökumenische Gottesdienste für die von der Flutkatastrophe Betroffenen in Soest und Trier. In der Trierer Konstantin Basilika sprach Präses Dr. Thorsten Latzel.

Düsseldorf/Trier/Soest. „Gott ist nicht die Antwort auf all unsere Fragen, schon gar nicht jetzt, in diesen Stunden. Aber Gott ist der Ort, wo wir unsere Klage lassen können.“ Das hat Präses Dr. Thorsten Latzel in einem ökumenischen Gottesdienst aus Anlass der Flutkatastrophe am gestrigen Abend, 17. Juli, in der Konstantin-Basilika in Trier betont. Zuvor war er gemeinsam mit der örtlichen Pfarrerin Vanessa Kluge im von der Flutkatastrophe stark getroffenen Trierer Stadtteil Ehrang unterwegs gewesen. Auch das ist Thema im Gottesdienst.

„Beim Seelsorge-Gang durch Ehrang zum Verteilen von Kaffee, Brötchen und Keksen trafen wir auf eine Frau aus der Gemeinde. Sie hatte das Kruzifix ihrer katholischen Oma im überschwemmten Keller gefunden und sichtbar nach draußen auf eine rote Kiste gestellt. Der Gekreuzigte im Schlamm der Überschwemmung. Für mich ist Gott heute genau dort gewesen – mitten im Schlamm der Überschwemmung, auf der Seite der leidenden Menschen, wie seit Urzeiten im Kampf gegen die Chaosmächte“, schreibt Präses Dr. Thorsten Latzel in seinem theologischen Impuls „Die Fluten als widergöttliche Chaosmächte – oder: Christus im Schlamm. Theologische Gedanken zur Überschwemmung“. Wie Gott in der Geschichte handele, bleibe uns letztlich verborgen. „Wir wissen aber um die Liebe Gottes zu allen seinen Geschöpfen – eine kreative, kämpferische, mitleidende Liebe. Eine Liebe, die keine Chaosfluten schafft, sondern sie im Gegenteil verhindert. Sinnbild dessen ist für mich Christus als leidender Schöpfungsmittler am Kreuz“, schreibt Latzel weiter.

Trauer, aber auch Gebete der Hoffnung im Hörfunkgottesdienst aus Soest
„Mir geht das Gesicht des Mannes nicht aus dem Kopf, dessen Frau seit mehr als zwanzig Stunden vermisst ist. Wilde Verzweiflung und stumme Resignation zugleich. Und ich stelle mir vor, wie viele Menschen gerade ähnliche Torturen durchmachen“, sagte Präses Annette Kurschus am heutigen Sonntag, 18. Juli, in Soest vor Beginn des Evangelischen Hörfunkgottesdienstes mit katholischer Beteiligung anlässlich der Unwetter-Katastrophe in NRW und Rheinland-Pfalz. Mehr als 155 Menschen sind in den Fluten oder an den Folgen der Überflutungen ums Leben gekommen. Hunderte werden noch vermisst. Die Betroffenen der Flutkatastrophe standen im Mittelpunkt des Gottesdienstes, den die Soester Pfarrerin Leona Holler in der Kirche Alt St. Thomä gemeinsam mit Annette Kurschus, Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen und stellvertretende Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), dem Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Thorsten Latzel, und Erzbischof Hans-Josef Becker vom Erzbistum Paderborn feierte. WDR 5 und NDR Info sendeten live aus Soest. Das westliche Gebiet des dortigen Kirchenkreises ist ebenfalls von der Flutkatastrophe betroffen.

Was Kirche tun kann: Orte bieten, um vor Gott klagen und weinen zu können
Trauer, Rettung und Gebet – das sind zentrale Worte aus der Predigt und aus den persönlichen Gedanken der Gäste im Hörfunkgottesdienst. Präses Dr. Thorsten Latzel hat besonders eine Begegnung in Sinzig bewegt: „Dort kamen zwölf Menschen in einer Behinderten-Einrichtung ums Leben. Der Bürgermeister der Stadt sagte nach dem Gedenkgottesdienst: ‚Das war das erste Mal, dass ich seit Tagen zur Ruhe kommen und weinen konnte.‘ Das ist es, was wir als Kirche jetzt tun können: Orte zu bieten, um vor Gott zur Ruhe zu kommen und klagen, weinen zu können.“
 

Stichwort: #unwetterklage
Die Evangelische Kirche im Rheinland hat einen digitalen Klageraum freigeschaltet. Dort ist Platz für Sorge, Bitten und Trauer. Präses Dr. Thorsten Latzel hat im Klageraum ein Flut-Gebet gepostet. Darin bittet er: „Gott, gib uns Mut, wieder aufzustehen. Gegen Schlamm und Schutt. Lass uns füreinander Trösterinnen und Hoffnungsbringer sein. Gott, hilf uns umzugehen mit dem, was wir nicht verstehen. Und hilf uns so zu leben, dass sich solche Katastrophen nicht vermehren.“

Wie es in den Gebieten und Gemeinden der rheinischen Kirche aussieht, berichtet ekir.de.