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ForuM-Studie: Wie gehen wir mit dieser Diagnose um?

„Es tut mir weh, wenn ich daran denke, wie viele Menschen zu Schaden gekommen sind.“ Superintendentin Jutta Walber. Dieser Schaden sei auch nicht mehr gutzumachen, dessen ist sich Walber bewusst.

Am Donnerstagnachmittag hatte der von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) beauftragte Forschungsverbund „ForuM“ (Forschung zur Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt und anderen Missbrauchsformen in der evangelischen Kirche und Diakonie in Deutschland) seine Ergebnisse präsentiert. Ein multiprofessionelles Forscherteam hat sich mit Missbrauch in der evangelischen Kirche und Diakonie befasst.  

Die Ergebnisse sind vernichtend: Wie eine Teilgruppe bei der Präsentation der Ergebnisse dargelegt hatte, seien die Opfer von sexueller Gewalt in der evangelischen Kirche nicht nur über Jahre hinweg nicht gehört worden, sondern sie hatten auch über gravierende gesundheitliche, emotionale wie soziale Folgen ihrer Erlebnisse geklagt. Anders als bislang von vielen in der Kirche angenommen, handelt es sich dabei auch nicht um Einzelfälle. Auch wenn sich die Forschungsgruppe aufgrund der Aktenlage nicht um validierte Zahlen äußern wollte, ließ sie kein Zweifel darüber, dass es sich bei 1.259 Beschuldigten aus 2.225 Fällen nur von „der Spitze der Spitze des Eisberges“ (so der leitende Forscher Prof. Dr. Martin Wazlawik) handele.  

Dass es sich nicht um Einzelfälle handelt, überrascht Superintendentin Jutta Walber nicht. Auch auf andere Kontexte bezogen, hatte sie seit ihrem Amtsantritt 2014 immer wieder festgestellt, dass unter anderem die ausgeprägten föderalistischen Strukturen in der Kirche es Menschen mit weniger guten Absichten ermögliche, weitestgehend unbeobachtet „unter Radar“ zu fliegen. Die Diffusität von Organisation und Zuständigkeit innerhalb der Kirchen in der EKD war von den Forschern festgestellt und kritisiert worden. „Wo es keine klaren Zuständigkeiten gibt, ist keine Transparenz. Wo es keine Transparenz gibt, ist der Nährboden für grenzverletzendes Verhalten gegeben“, sagt Jutta Walber. 

Doch was ist nun mit dieser schwer verdaulichen Diagnose zu tun? Im Zentrum der Betrachtungen stehen hierbei für die Superintendentin den Betroffenen Gehör zu schenken sowie die Schaffung von Transparenz. „Wir können alle nur ermutigen: die von sexueller Gewalt Betroffenen, sich zu melden und anzuzeigen, was ihnen widerfahren ist, sowie Menschen, die Indizien beobachtet haben. Auch sie müssen ermutigt werden.“ Nicht zuletzt müssten alle Mitarbeiter:innen - gleich welcher Profession - aufmerksam und mit geschultem Blick auf Situationen eingehen.  

Einen ersten Schritt haben der Kirchenkreis, seine Gemeinden und das Diakonische Werk mit einem gemeinsamen Schutzkonzept getan. Die Schutzkonzepte werden von Zeit zu Zeit auf den Prüfstand gestellt. So hat der Kirchenkreis 2018 ein Kinderschutzkonzept verabschiedet. Dieses beinhaltet die Richtlinien für die Kinder- und Jugendarbeit im Kirchenkreis und beschreibt neben einem detaillierten Leitfaden zur Prävention auch standardisierte Prozesse, die mit einer Meldung in Gang gesetzt werden. Im Vorwort zum Präventionsleitfaden hat die Arbeitsgruppe seinerzeit festgestellt: „Kein Kind und kein Jugendlicher ist grundsätzlich vor übergriffigem Verhalten geschützt.“ Diese Annahme schließt bereits mit ein, was nun auch durch die Forum-Studie belegt wurde: Dass Übergriffe auch im kirchlichen Umfeld stattfinden. Präventive Maßnahmen, so die damalige Arbeitsgruppe, müssten einerseits auf der pädagogischen Ebene und ebenso auf der strukturellen Ebene ansetzen. Für ehren- wie hauptamtliche Mitarbeiter:innen, die direkt mit Kindern und Jugendlichen zusammenarbeiten, wurden Standards etabliert. Schulungen sind wie z.B. beim Erwerb der Jugendleiter-Card sind verpflichtend. Das Jugendreferat im Kirchenkreis bietet diese Schulungen für haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter:innen regelmäßig an ( https://www.obere-nahe.de/erziehung-bildung/jugendreferat/schulungen).  

2022 hat der Kirchenkreis mit Vorlage seines aktuellen Schutzkonzeptes (https://www.obere-nahe.de/erziehung-bildung/unser-schutzkonzept) das Kinderschutz-Konzept noch einmal überarbeitet und die Perspektive, den Geltungsbereich sowie die Zielgruppe erweitert. Auch hat die Arbeitsgruppe klar festgelegt, wie Menschen, die beobachtete oder selbst erlebte Übergriffe, gestärkt und geschützt werden müssen. Auch Mitarbeiter:innen, die nicht unmittelbar Kontakt mit Schutzbefohlenen haben, mussten nun ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis vorlegen. Derzeit arbeitet der Kirchenkreis in Kooperation mit dem Kirchenkreis Koblenz und dem Bistum in Trier an einer Schulung auch für diese Mitarbeiter:innen. Auch die Anzahl der Vertrauenspersonen wurde erhöht von ehemals einer Mitarbeiterin auf drei.  

Wir haben in der Vergangenheit nicht gut genug hingeschaut. In diese Wunde müssen und werden wir den Finger legen. Es ist das Selbstverständnis von Kirche und Diakonie, von christlicher Nächstenliebe überhaupt, dass sie Menschen den Schutz bieten, den sie anderswo nicht erhalten. Dass Menschen ausgerechnet in diesem Rahmen Gewalt und Unrecht erfahren mussten und nicht gehört wurden, schmerzt uns sehr. Hierin haben wir versagt. 

 

Vertrauenspersonen des Kirchenkreises Obere Nahe und des Diakonischen Werks im Kirchenkreis Obere Nahe 

Larry Layfield 
E-Mail: Larry.Layfield(at)obere-nahe.de  
Tel.: 06781 – 5163 568 
 

Ilona Schlegel 
E-Mail: Ilona.Schlegel(at)obere-nahe.de  
Tel.: 06781 – 5163 501 
 

Karsten Hahn 
Mailkontakt: Karsten.Hahn(at)obere-nahe.de  
Mobil: 0151 – 70 5 745 82