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An(ge)dacht: Welcher Puls passt zu den Wirren der Gegenwart?

Am 30. April ist der Welttag des Jazz. Dazu passt recht gut, dass Kreiskantor Christian Kurtzahn sich für sein erstes größeres Chorprojekt mit der "Missa in Jazz" beschäftigt hat.

Ich denke nach. Ich denke gern, am liebsten in dunkler Frühe, wenn das Singen der Vögel anhebt, nochbevor ich selbst die Tageshelle erahne. Dann lausche ich auf die unterschiedlichsten Tonfolgen, sinnige Lied-Botschaften für Artgenossen, auf dieses Hin und Her, dieses Miteinander und Übereinander, auf dieses akustische Kreuz und Quer, das einen Himmelsdom aufspannt aus Natur-Musik.

„What a wonderful world!“ kommt mir dann in den Sinn, und sogleich bin ich, als Musiker, und was liegt näher, in Gedanken bei der Musik, die, geheimnisvollen Ursprungs, von uns Menschen zum Ausdruck gebracht wird und die im Gewand der jeweiligen Zeit und deren Weltwahrnehmung erscheint.

Welcher Puls, so frage ich mich immer wieder und ertappe mich dabei, wie ich nachdenklich Kinn und Wange in meine Handmulde berge, und welche Töne passen zu den Wirren unserer Gegenwart, spiegeln Ängste und Sehnsüchte des Jetztmenschen, schrecken und versagen dennoch nicht den Trost?

In meinem Chorprojekt, das derzeit tatsächlich drei Chöre der Nahe-Region in Atem hält, ist es die Stilform des Jazz, die das Unbeständige, das Wechselhafte in unserer Welt musikalisch kommentiert.

Im Jazz erleben wir den provokanten Bruch mit musikalisch Tradiertem, hören wir die Absage an notierte Auskomposition, vernehmen wir die Lockerung der Form; und wir staunen, wie die Jazzmusiker, ganz ungezwungen, mit Akkord- und Harmonieerweiterungen ihre Freiräume nutzen zu neuen Klangschöpfungen in ihren kreativen Improvisationen.

Jazzige Dissonanzen mögen uns irritieren, sie konfrontieren uns jedoch mit unserem berechtigten Harmoniebedürfnis. In der „Missa in Jazz“ (2001), komponiert von Peter Schindler, die im Mai unter meiner Leitung in Baumholder und Idar-Oberstein aufgeführt werden wird, singt der Chor den bekannten lateinischen Messetext; das Saxofon, Jazzinstrument par excellence und Inbegriff und Stimme des fragenden Menschen, erhebt sich über den Chorgesang, um „hinauf“ zu klagen, zu weinen, Tröstung zu erflehen, während das Klavier und insbesondere das Schlagzeug unerbittlich den alles zwingenden Rhythmus pulsen.

Da sitze ich und denke mir, dass diese Verbindung aus Tradition und Neuem, Unerhörtem die Zuhörer doch anrühren und bewegen könnte.

Just kräht da Nachbars Hahn, und draußen wird es langsam hell.  

Kreiskantor Christian Kurtzahn

Veranstaltungsinfo:

  • Konzert "Missa in Jazz" am Samstag, 14. Mai 2023, um 18 Uhr in der evangelischen Kirche in Baumholder. Karten sind zu 12 Euro/erm. 8 Euro, zuzüglich VVK-Gebühr, bei allen bekannten Vorverkaufsstellen und im Internet über Ticket Regional erhältlich. Über diesen Link gelangen Sie direkt zur Buchungsseite: https://www.ticket-regional.de/events_info.php?eventID=197863 
  • Auszüge aus der Missa in Jazz mit dem Kammerchor Obere Nahe sind anlässlich der Idar-Obersteiner Jazztage zu hören: am Pfingstsonntag, 28. Mai, 13 Uhr auf dem Schleiferplatz. Der Eintritt zu den Jazztagen ist grundsätzlich frei.

    

Christian Kurtzahn, Kreiskantor des Kirchenkreises Obere Nahe.