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15.08.2018 91 days

Zunehmende Angst vor dem sozialen Abstieg mit Kind


Sorgen sich um die Belange schwangerer Frauen (von rechts nach links): Regine Wilke von Diakonischen Werk im Evangelischen Kirchenkreis Wied und ihre Kolleginnen

In den Schwangerenberatungsstellen der Diakonie wird Armut zunehmend zum Thema. Ungewollte Schwangerschaften sind immer häufiger auch Ausdruck von Armut. Die Beraterinnen stehen vor wachsenden Herausforderungen, da das deutsche Hilfesystem sehr kompliziert ist.

Idar-Oberstein, Koblenz, Neuwied, Trier. „Kann ich mir ein Kind überhaupt leisten?“ Diese Frage wird in den Schwangerenberatungsstellen der Diakonie in Rheinland-Pfalz oft gestellt. Viele Frauen wissen, was Armut bedeutet oder haben Angst, durch ein Kind in Armut zu geraten. Die Beraterinnen unterstützen sie, so gut sie können. Doch das deutsche Hilfesystem ist kompliziert, was die Beratungen immer komplexer macht.

„Zwar hat sich die rechtliche Situation für werdende Mütter verbessert“, sagt Regine Wilke, die seit 13 Jahren in der Schwangerenberatungsstelle des Diakonischen Werkes im Evangelischen Kirchenkreis Wied arbeitet. „Doch es wird immer schwieriger zu durchschauen, wo es welche Hilfen gibt und wie sie beantragt werden.“

Rund 200 Milliarden Euro gibt der deutsche Staat jährlich für familienpolitische Leistungen aus. Doch bei denen, die wenig haben, kommt davon kaum etwas an, kritisiert Wilkes Kollegin Heidrun Lechthaler-Trierweiler vom Diakonischen Werk des Kirchenkreises Obere Nahe in Idar-Oberstein. Die Ursachen hierfür sind vielfältig: Das Kindergeld wird vollständig auf den Hartz-IV-Satz angerechnet. Beim Elterngeld erhalten nur Eltern, die vor der Geburt gearbeitet haben, einen Freibetrag. Nicht zuletzt: Flexible Arbeitszeiten erfordern eine flexible Kinderbetreuung. „Die Angst, durch ein Kind sozial abzurutschen, hat deutlich zugenommen“, hat Heidrun Lechthaler-Trierweiler beobachtet.

Ohne das Einkommen der Frau kommen viele Familien nicht mehr klar

In Rheinland-Pfalz gibt es an 92 Standorten Schwangerschaftsberatungsstellen, 39 davon trägt die Diakonie. In der Beratungsstelle des Diakonischen Werkes des Evangelischen Kirchenkreises Obere sind die Beratungsfälle seit 2015 um 19 Prozent auf 174 Fälle im Jahr 2017 gestiegen. In den anderen Beratungsstellen sieht es ähnlich aus. Die schwierige finanzielle Situation der Mütter sei in 70 Prozent der Fälle Thema der Beratung, erklärt Beraterin Christine Pätzold. „Ohne das Einkommen der Frau kommen viele Familien heute nicht mehr klar. Ihre Berufstätigkeit ist entscheidend dafür, ob Kinder in Armut aufwachsen oder nicht.“

Wer sich also trotz einer schwierigen finanziellen Situation für ein Kind entscheidet, braucht viel Unterstützung und ein gutes Netzwerk. Die Mitarbeiterinnen der Schwangeren- und Schwangerenkonfliktberatungsstellen der Diakonie helfen den Frauen deshalb nicht nur dabei, eine Entscheidung zu treffen und den Behördendschungel zu durchschauen, sondern organisieren auch praktische Hilfe.

Regine Wilke und Heidrun Lechthaler-Trierweiler arbeiten mit ehrenamtlichen Familienpaten zusammen. An Christine Pätzolds Beratungsstelle ist ein Kinderkaufhaus angeschlossen, das gebrauchte Kleidung, Babyzubehör und Spielzeug zu fairen Preisen anbietet. Und Gudrun Zimmermann vom Diakonischen Werk der Evangelischen Kirchenkreise Trier und Simmern-Trarbach vermittelt im Rahmen des Bundesprojekts „wellcome“ ehrenamtliche Mitarbeiterinnen, die Frauen nach der Geburt ein- bis zweimal pro Woche unterstützen.

"Verhütung darf nicht am Geld scheitern"

In ihrer Beratung begegnen die Sozialarbeiterinnen vielen Frauen, die ungewollt schwanger geworden sind. Für sie ist auch das Ausdruck von Armut. Schon seit Jahren setzt sich die Diakonie für kostenlose Verhütungsmittel ein. Bislang ohne Erfolg. Frauen, die Hartz IV beziehen, erhalten die Anti-Baby-Pille seit 2005 nicht mehr kostenlos auf Rezept. Wer sie nicht verträgt und andere Verhütungsmittel wie eine Spirale braucht, muss erst recht tief in die Tasche greifen.

„Verhütung darf nicht am Geld scheitern“, betont Gudrun Zimmermann. Um Kinder- und Familienarmut zu beseitigen, müsste an vielen Stellschrauben gedreht werden, meinen die Beraterinnen. „Wir brauchen eine große Reform der Leistungen zur Familienförderung, die die vielen Einzelleistungen zusammenführt und auch bei armen Familien ankommt“, fordert Regine Wilke. „Denn dass sich Frauen aus Angst vor Armut gegen ein Kind entscheiden, sollte es in einem reichen Land wie Deutschland nicht geben.“

 

Quelle/Bildnachweis: Diakonisches Werk Obere Nahe


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