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19.11.2018 26 days

Superintendentin ermutigt Gemeinden zum Blick über den Tellerrand hinaus


Wie können wir in Zukunft Kirche sein? Dieser Frage ging Superintendentin Jutta Walber in ihrem Bericht nach.

Idar-Oberstein. Es ist ein geschichtsträchtiges Datum, auf das die Herbstsynode des Kirchenkreises Obere Nahe in diesem Jahr fiel. Am 9. November 1938 plünderte, brandschatzte und zerstörte ein enthemmter und von jeglicher Menschlichkeit und Moral befreiter Mob überall im Deutschen Reich Synagogen, jüdische Geschäfte und Privateigentum. Juden wurden aus ihren Wohnungen gezerrt, beschimpft und verprügelt. Der grausame Auftakt des mit Abstand schwärzesten Kapitels deutscher Geschichte: der Beginn der Shoa. Ein Gottesdienst mit Abendmahl in der Idarer Stadtkirche erinnerte zum Auftakt der Synode an diesen Tag vor 80 Jahren. Geleitet wurde der Gottesdienst vom Idarer Pfarrteam um Angelika Röske, Rüdiger Kindermann, Arndt Fastenrath und Daniel Witting.

Die Predigt sprach Manfred Keip, Pfarrer in Bosen, Nohfelden und Sötern. Er zitierte Berichte aus jenen Tagen in seinen eigenen Gemeinden - wie Juden gezwungen wurden, ihre Synagoge und ihre Ritualgegenstände zu zerstören. Noch heute stellen wir uns immer wieder die Frage: „Wie konnte so etwas passieren?“ Pfarrer Keip versuchte, in seiner Predigt auch dieser Frage nachzugehen: Vor 80 Jahre habe es einen kollektiven Ausbruch jenes Bösen gegeben, das in jedem Menschen stecke. Ganz ohne Hoffnungsschimmer von Menschlichkeit und Nächstenliebe schickte Pfarrer Keip seine Zuhörer allerdings nicht in die Synodalverhandlungen. Er berichtete auch von einer Begegnung im mit einem ehemaligen KZ-Häftling, den er im Rahmen einer Friedensmission getroffen hatte. Diese Begegnung sei von Vergebung geprägt gewesen – und vom Übertragen einer großen Verantwortung. „Wir tragen nicht die Schuld an dem, was vor unser Geburt geschehen ist, aber wir haben die Verantwortung und die Pflicht, dafür zu sorgen, dass so etwas niemals wieder geschieht.“

Nach dem sehr andächtigen Gottesdienst starteten die Synodalverhandlungen im Gemeindezentrum Flachspreite in Idar-Lay. Von der bedrückenden Last der NS-Vergangenheit spannte sich der Bogen zur Weichenstellung für die Zukunft der Kirche. Dass diese beiden Punkte zwar die Zeit eines ganzen Menschenlebens umspannen, thematisch allerdings eng verbunden sind, machte der Birkenfelder Landrat Dr. Matthias Schneider in einer kurzen Gast-Ansprache deutlich: Unsere Gesellschaft sehe seit 2015 globalen Veränderungen entgegen, die auch gesellschaftspolitisch eine große Herausforderung bedeuteten. Die Kirche sei für die Gesellschaft wie für jeden einzelnen Menschen der Solidaritätsanker. Wenn sie sich nun von der Kirche abwende, entstünden gefährliche Situationen. „Alle Christen sollten hier unbedingt wachsam sein“, sagte Schneider.

Wie können wir in Zukunft Kirche sein?

Superintendentin Jutta Walber nahm in ihrem Bericht ihre Zuhörer mit auf eine Reise in ihre Zukunftsvision. Ausgehend von den Fragen „Wie können wir in Zukunft Kirche sein? Worauf kommt es an? Was macht Kirche aus?“ lud sie die zahlreichen Gäste – darunter auch der Idar-Obersteiner Oberbürgermeister Frank Frühauf und der frühere Superintendent des Kirchenkreises, Edgar Schäfer - und die 72 Stimmberechtigen zu einem Gedankenspiel ein: Wie muss sich die Kirche der Zukunft aufstellen, an welchen Zielen muss sie arbeiten, wenn sie - widrigen Bedingungen zum Trotz – Kirche sein will? Dass die Voraussetzungen nicht die besten sind, daran ließ Walber keinen Zweifel: Bei ihren Besuchen in den Gemeinden habe sie überall „konzentrierte Menschen“ angetroffen, „die sich mit allen Kräften bemüht haben, das zu erhalten, was ist: Die Kirche, das Gemeindehaus, die Anzahl der gehaltenen Gottesdienste und nicht zuletzt den Pfarrer oder die Pfarrerin vor Ort.“ Alle arbeiteten an der Grenze der Belastbarkeit – jeden Tag aufs Neue. Auch wenn die Anstrengungen fortbleibend intensiv seien, spiegelt sich das kaum in positiven Zahlen wider. Zählte der Kirchenkreis Obere Nahe im vergangenen Jahr 48.361 Mitglieder, so ist diese Zahl im laufenden Jahr um 905 auf 47.456 Mitglieder gesunken. Auch die finanzielle Lage sei angespannt: Mehrere Gemeinden müssten bereits auf Rücklagen zurückgreifen, um ihre laufenden Ausgaben zu decken. Gar manche Gemeinde besitze nicht einmal mehr Rücklagen. Und das in einer Zeit, in der die wirtschaftliche Lage in Deutschland anhaltend gut und kein wesentlicher Einbruch des Kirchensteueraufkommens zu verzeichnen sei. Bei der Frage, woher diese Diskrepanz rührt, kam Walber auf die Kleinteiligkeit der Strukturen und die Vielzahl an Gebäuden zu sprechen, die den Gemeinden im Kirchenkreis nur wenig Spielraum ließen. Beides binde zu viele Ressourcen.

Auch dass die Kirche immer weniger Menschen erreicht, bereitet der Superintendentin Sorgen. Sie erzählte das Gleichnis vom verlorenen Schaf und interpretierte es neu: Während sich 99 Schafe von der Kirche entfernt haben, beansprucht nur noch eins alle Aufmerksamkeit für sich. Gibt es angesichts der begrenzten Mittel überhaupt eine Möglichkeit, die 99 zerstreuten Schafe wieder zu vereinen unter dem Dach der Kirche? So wie sie derzeit aufgestellt ist, wohl nicht, findet Walber. Den Blick zu weiten, statt sich mit Altbewährtem im Kreis zu drehen, sei dringend geboten. Dies bedeute auch, über den Tellerrand der eigenen Gemeinde hinaus zu blicken und die eigenen Aktionsräume zu vergrößern. So gehe die Fokussierung auf die Gemeinde, die die Evangelische Kirche im Rheinland in der Vergangenheit praktiziert habe, heute an der Lebenswirklichkeit der Menschen vorbei. Im ländlichen Raum brechen Ortsstrukturen bereits im Kleinkindalter auf, nicht nur, weil Kita und Schule im Nachbarort und der Arbeitsplatz häufig noch viel weiter entfernt liegen.


Kirche muss zeigen, was sie Großartiges leistet

Auf der anderen Seite gebe es aber auch Gelegenheiten, dieser Entwicklung entgegenzuwirken, etwa mit besonderen Gottesdiensten wie dem jüngst in Birkenfeld abgehaltenen Harry-Potter-Gottesdienst, der über die Grenzen der Kirchengemeinde hinaus großen Anklang gefunden hat. Weit über die Grenzen des Kirchenkreises hinaus sei auch die Resonanz auf die zwei hervorragenden Konzerte der Kantorei im Rahmen der Reihe „Klang der Industrialisierung“ gewesen. Nicht zuletzt der fröhliche Gottesdienst anlässlich des 25. Dienstjubiläums von Sabine Dahlheimer-Meyer (Kita-Referat) im Spätsommer in Birkenfeld habe Hoffnung gegeben, dass Kirche mit ihrem Angebot die Menschen doch erreicht. Auch die Arbeitsbereiche, die besondere Lebenslagen ansprechen, leisteten wesentliche Beiträge zur Zivilgesellschaft  - sei es das Angebot der Kitas, das Projekt „Sprachkitas“ des Kitareferats, das über die Grenzen des Kirchenkreises hinaus den Erziehern vor Ort kompetente Beratung und Hilfe bietet, die Arbeit im Hospizdienst, der Sozialstation oder das Beratungsspektrum des Diakonischen Werks. Potenzial und Einsatzbereiche gebe es genug – die Kirche müsse sich und das, was sie leistet, nur besser sichtbar und ihre Aktivitäten auffindbar machen.

Die Grundsteine dazu sind beim Kirchenkreis gelegt mit dem Start der neuen Homepage und dem richtungsweisenden Motto der neuen Konzeption. „Kirche mit dir!“ lautet der Schlagwort und es soll zeigen, „dass Kirche von den Gaben und dem Engagement ihrer Mitglieder lebt und gleichzeitig auch für Menschen in den unterschiedlichen Lebenssituationen begleitend da ist“, sagte die Superintendentin. „,Kirche mit dir!‘ wird angesichts geringer werdender Ressourcen in den Gemeinden und Arbeitsbereichen auch zukünftig nur möglich sein, wenn wir in unsere Zusammenarbeit investieren“, sagte Walber. So können trotz knapper Ressourcen das Angebot der Kirche erweitert und neue Zielgruppen angesprochen werden. Dazu sei aber der Mut notwendig, eingetretene Pfade zu verlassen und neue einzuschlagen - ohne Furcht vor einem möglichen Scheitern.

Nicht zuletzt müsse man den engen Kreis öffnen und die Menschen, die schon seit Jahren nicht mehr zur Kirche kommen, fragen, was ihnen wichtig ist und wie Kirche sein sollte, damit sie gerne ein Teil von ihr sein wollen. Auch sei es denkbar, die Rahmenbedingungen für die aktive Mitarbeit – wie zum Beispiel beim Ehrenamt – zu verändern. „Wir sollten aus meiner Sicht auch das Ehrenamt auf Zeit ermöglichen, sodass sich Menschen nicht verpflichtet fühlen, immer weiter zu machen“, sagte Walber.

Um Kräfte zu bündeln und wichtige gesellschaftspolitische Themen anzugehen, seien Kooperationen wichtiger denn je – mit politischen Gemeinden, Verbänden, Vereinen und Initiativen. Aber auch mit den benachbarten Kirchenkreisen am Südrhein werde es nach zahlreichen personellen Veränderungen modifizierte Kooperationen geben. „Die Spielregeln des Miteinanders müssen neu gefunden und entwickelt werden.“ Dass all diese Entwicklungen keine Herausforderung der Evangelischen Kirche allein sind, machte Dechant Clemens Kiefer (Katholisches Dekanat Idar-Oberstein) in seinen Grußworten deutlich. Auch die katholischen Brüder und Schwestern haben sich auf ihrer Synode eingehend mit der Frage „Wozu sind wir Kirche?“ befasst. Einig sei man sich gewesen, dass Kirche keinem Selbstzweck diene, sie müsse für die Menschen da sein, sagte Kiefer.  Auch strukturell werde sich einiges tun. Bis 2020 wird im Bistum Trier die „Pfarrei der Zukunft“ kommen, die dann die Größe von drei bis vier Evangelischen Kirchenkreisen umfasse. „Eins kann ich jetzt schon sagen: Es wird nicht weniger Ökumene geben“, versprach Kiefer.

Hier geht es zum Bericht über die Spende des Kirchenkreises für den Fonds Unwetterhilfe Herrstein.

 

 

 


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Johannes 16,23