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An(ge)dacht: Erntedank??

Am Sonntag ist Erntedank. Und doch fällt es uns zunehmend schwerer zu danken. Das bemerkt Pfarrer Lothar Hübner. Er ist dankbar besonders für die Dinge, auf die er keinen Einfluss hat.

»Erntedank« – so steht es für den Sonntag in meinem Kalender - auch in Ihrem?

In bunt geschmückten und mehr oder weniger gut besuchten Kirchen feiern Christ*innen ihre Dank­gottesdienste für die Ernte 2022.

Kamen vor 30 Jahren noch stolze Bauern und Kleingärtner*innen mit ihren schönsten Er­zeug­nissen in den Gottesdienst, um Gott dafür Dank zu sagen, so müssen wir heute den Altarschmuck kaufen, damit es nicht so traurig aussieht.

Ich denke, es ist nun mal so, dass wir uns mit dem Danken schwer tun.

Denn erstens erfahren wir selten oder nie den Zusammenhang von Saat und Ernte: Was wir essen, kommt jederzeit hygienisch ver­packt aus aller Welt aus dem Supermarkt.

Und zweitens haben wir uns alle mehr oder we­niger auf ein sehr einfaches Glaubensbe­kennt­nis geeinigt: Ohne Fleiß kein Preis. Anders gesagt: „Wenn’s uns gut geht, dann verdanken wir das vor allem uns selbst.“

Der Erntedanktag wirbt für eine andere Sicht. Es gibt in der Tat viele Gründe, dankbar zu sein – eigene Tüchtigkeit hin oder her. Ohne das, was wir »Glück« oder meinetwe­gen auch »Zufall« nennen, fällt uns wenig zu, was unser Leben wirklich ernährt geschweige denn lebenswert macht. Wofür können wir dankbar sein, nein, wofür bin ich dankbar?

Für die Ernte, sagt der Name dieses Tages. Für Fruchtbarkeit und Reife, für Nahrung und Gewinn.

Erst recht bin ich dafür dankbar, dass die Welt trotz aller Bedrohung durch den Menschen immer noch wunderbar und voller Geheimnisse ist. Ich möchte vor allem für das danken, was ohne mein Zutun geschieht: Die Sonne geht jeden Morgen auf; viele Bäume tragen noch immer Blätter; auf den Ablauf von Frühling, Sommer, Herbst und Winter ist Verlass, trotz vieler Eskapaden der Natur. Wir haben immer noch, was wir zum Leben brauchen, trotz der schrecklichen Corona-Jahre und des Krieges in der Ukraine.

Ja, ich kann dankbar sein für das, was mir ge­lungen ist. Aber das gilt doch erst recht für das, was ich nicht selber schaffe, nicht durch eigene Kraft und Findigkeit. Für die Phantasie, die mich manchmal beflügelt. Für die Gesundheit, die mich trotz mancher Wehwehchen oder auch größerer Schmer­zen immer noch "Ja" sagen lässt zum Leben. Für die Zärtlichkeit, die ich erlebe. Für Menschen, die mich lieben und die ich lieben kann.

Ich finde: Immer wenn Glaube, Hoffnung und Liebe wachsen, dann ist Erntedankfest. Dazu lädt Gott an diesem Tag ein. Sein Tisch ist gedeckt. Mit vielen guten Gaben.

Und jeder Menge Leben.      

Lothar Hübner, Pfarrer in den Kirchengemeinden Herrstein, Mörschied-Weiden und Wickenrodt

Pfarrer Lothar Hübner hat beschlossen, Gott insbesondere für die Dinge zu danken, die ohne sein Zutun geschehen: wie der Sonnenaufgang jeden Morgen. Bildnachweis: Pixabay.com